Cantus Firmus

Sinfonie für Orchester und Chor ad libitum

2.2.2.2.-4.3.3.1.-timp, 3 perc, arpa, pf, – S.A.T.B. – 14.12.10.8.6

2010

Auftrag des Festspielhauses St. Pölten im Rahmen von “Hörgut” 2010

Dauer: ca. 23 Min.

Musikverlag Doblinger, Leihmaterial

Satzbezeichnungen
1. Corale
2. Passacaglia
3. Quasi una Sonata
4. Aria e Finale

Uraufführung

01.10.2010
Wien, Musikverein
NTO, Chorus Sine Nomine, Andrés Orozco-Estrada

weitere Aufführungen

03.10.2010
Wien, Musikverein
NTO, Chorus Sine Nomine, Andrés Orozco-Estrada

04.10.2010
St. Pölten, Festspielhaus
NTO, Chorus Sine Nomine, Andrés Orozco-Estrada

Einführungstext

aus dem Programmheft des Musikverein Wien für die Uraufführung am 01.10.2010, Daniel Ender

”...Auch in Gerald Reschs «Cantus Firmus» für großes Orchester und Chor ad libitum (2009–2010) kommt diese ganz typische Vorgehensweise des Komponisten zum Tragen, die aus einem Grundgedanken heraus ein ausgedehntes Werk entspinnt. Ganz so streng wie in jener bedeutenden musikalischen Tradition der Cantus-Firmus-Kompositionen, bei denen sich alles auf Basis einer einzigen Melodie entfaltet, ist das Stück zwar nicht gearbeitet, aber die Assoziation zu geistlicher Musik war für Resch durchaus beabsichtigt. Dies hat erst einmal mit seiner Entstehungsgeschichte zu tun: Denn es sollte laut dem Auftrag des Tonkünstlerorchesters Niederösterreich auf Mendelssohns 2. Symphonie «Lobgesang» reagieren. Für Resch stand am Beginn seiner Arbeit die Idee, «.eine ,Ouvertüre‘ zu Mendelssohns Werk zu schreiben, die sich allerdings im Laufe der Zeit sehr weit von ihm entfernt.»
Ein ganz augenscheinlicher Unterschied liegt etwa in der Funktion des Chors, den Resch nur äußerst sparsam einsetzt: Bei ihm singt das vokale Kollektiv am Beginn des Werks nur 40 Sekunden lang a cappella, verschwindet dann nach diesem mottoartigen Beginn und kehrt nicht wieder zurück – mit Ausnahme einer kurzen Passage ganz am Ende, deren Ausführung der Komponist ebenso wie die Mitwirkung des Chores insgesamt den Ausführenden freigestellt hat. Auf mehrfache Weise hat Resch den Auftrag einer Auseinandersetzung mit Mendelssohn für sein Stück ausgeweitet. Einerseits aus «Respekt vor der Tradition», andererseits aber aus dem «Ehrgeiz, etwas anderes machen zu wollen», hat er sich ausgiebig mit Symphonien des 19. Jahrhunderts beschäftigt, sich mit Mendelssohn ebenso auseinandergesetzt wie beispielsweise mit Franz Schubert. In dessen großer C-Dur-Symphonie fand er in der berühmten ersten Phrase der Hörner ein ähnliches Motto vor, wie es Mendelssohn für den ersten Choreinsatz im «Lobgesang» verwendete – und Resch selbst wiederum zu jener Passage inspirierte, mit welcher «Cantus Firmus» beginnt. Übrigens handelt es sich bei dieser schlichten Melodie, auch wenn die Zuhörer ein Zitat vermuten könnten, um einen durchaus originalen Gedanken Reschs.
Als ursprünglichen Titel für seine Komposition hatte Resch schlicht «Symphonie“ vorgesehen. Auch daran zeigt sich ganz deutlich nicht nur sein besonderes Interesse an historischer Musik, sondern auch sein Bestreben, in ihr Orientierung zu suchen – um dann freilich umso eigenständigere Wege beschreiten zu können. Obwohl etwa Satzfolge und Proportionen zwischen den Sätzen in «Cantus Firmus» verschoben sind, spiegelt sich in diesem Stück doch der Typus der klassisch-romantischen Symphonie wieder. So finden sich neben der offensichtlichen Einleitung sowohl ein Hauptsatz als auch die Typologien des langsamen Satzes, des Scherzos und des Finales, wenn auch auf stark transformierte Art, wieder.
Dass es Resch keineswegs darum geht, solche hergebrachten Formen einfach weiterzuverwenden, macht nicht nur seine Musik deutlich, die viel komplexer ist, als dass sie sich einfach mit diesen Begriffen klassifizieren ließe. Auch wie der Komponist selbst sein Werk beschreibt, zeigt, dass es ihm mehr um ein Weiterdenken der Tradition geht als um schlichte Traditionspflege oder gar Klassizismus. So verwendet er im Gespräch über seine Komposition die Begriffe «Gesang», «Rhythmus» und «Synthese», die er als wesentlich für den traditionellen langsamen Satz, das Scherzo und das Finale ansieht. Und es sind denn auch vor allem solche allgemeinere musikalische Ideen, die beim Hören seines «Cantus Firmus» in den Vordergrund treten.
Die Vertonung der Worte «Deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen» aus den Psalmen des Alten Testaments, die zu Beginn in der Art eines Chorals vorgetragen wird, korrespondiert nicht nur mit den erwähnten «Motti» bei Schubert und Mendelssohn, sondern auch mit der langsamen Einleitung in der Symphonie seit Haydn. Seine Auseinandersetzung mit der großen symphonischen Tradition hat Resch allerdings bis ins späte 19. und weiter ins 20. Jahrhundert geführt und umfasst auch die Form der Passacaglia, die an Anton Weberns op. 1 und auf den Schlusssatz von Johannes Brahms‘ 4. Symphonie denken lässt – bei Brahms Ziel, bei Resch Ausgangspunkt des Geschehens, wenn das Choralthema im ersten Satz mit der Überschrift «Corale e Passacaglia» zur Basis von insgesamt 13 charakterlich abwechslungsreichen Variationen wird.
Dass der zeitlich recht ausgedehnte Hauptsatz in der Satzfolge an zweiter Stelle steht, hat sein wohl prominentestes Vorbild bei Gustav Mahlers 5. Symphonie. Mit seinen drei Themen, die nicht einfach nacheinander, sondern ineinander verschachtelt erklingen, folgt der mit «Quasi una Sonata» überschriebene Satz dem Schema eines klassischen Sonatensatzes, treibt aber zugleich auf Basis dieses Schema mancherlei Kunststücke und Vexierspiele. So gibt es etwa eine polyphon durchgestaltete Durchführung, in der die Themen zugleich erklingen, oder eine Scheinreprise, die sich dann aber als weitere, nochmals gesteigerte Durchführung entpuppt.
Auf vieldeutige Weise durchdringen sich auch im dritten Satz «Arie e Finale», in dem Resch zwei Satztypen auf originelle Weise miteinander verknüpft, Gestaltungsprinzipien aus der traditionellen Gattung der Symphonie und außerdem auch des Instrumentalkonzerts. Ähnlich, wie Maurice Ravel im langsamen Satz seines G-Dur-Klavierkonzert auf Mozarts Klarinettenquintett zurückgriff, bediente sich Resch wiederum bei Ravel – ohne dass man dies in beiden Fällen unmittelbar hören könnte. In diese kantable Passage, welche die Ausdruckssphäre des Chorals wieder aufgreift, ist so etwas wie ein Scherzo hineinmontiert. Auf die Spitze getrieben wird der Tribut an symphonischen Beziehungsreichtum, wie er seit Beethovens 9. Symphonie den höchsten Anspruch der Gattung markierte, schließlich im Wiederaufgreifen früherer Gedanken. Der Komponist hat im Tonkünstler-Magazin seine dicht gearbeitete Partitur insgesamt bereits einmal so bildhaft charakterisiert, dass eine treffendere Formulierung kaum vorstellbar wäre: Sein «Cantus Firmus», so Resch, sei «ein Stück, bei dem man immer ein bisschen auf der Stuhlkante sitzt und sich fragt: ,Wie geht’s weiter?‘ »

Kritiken

Der Standard 04.10.2010 (Ljubisa Tosic)

(…) Ein bisschen Anlauf muss die Neuheit nehmen, als wolle sie sich selbst suchen. Schließlich aber entpuppt sich Gerald Reschs “Cantus Firmus – Sinfonie für Orchester und Chor” als vitales Opus der markanten Momente. Als Auftragswerk des Festspielhauses St. Pölten soll der Zwanzigminüter auf Felix Mendelssohn Bartoldys chorlastige zweite Symphonie (Lobgesang) Bezug nehmen.

Natürlich aber will eine Neuheit vor allem für sich selbst stehen, abseits der Beziehungen zur inspirierenden Vorlage. Resch setzt den Chor dann auch ein, jedoch kurz zu Beginn und sanft ganz am Schluss. Dazwischen? Zwei gewaltige Tutti-Ausbrüche und die anfängliche Richtungssuche mit Streicherdominanz, perkussiven Momenten und markantem Bläsereinsatz, bis sich auf freitonaler Grundlage die rhythmische Prägnanz quasi als eine Art Werkrückgrat entpuppt. Zum Schluss hin bestätigt sich dies durch blockartigen, mechanisch anmutenden Streichereinsatz, obwohl hin und wieder auch ganz andere, also verinnerlichte Passagen zum Einsatz kommen.

Resch (Jahrgang 1975) war beim Niederösterreichischen Tonkünstlerorchester unter Andres Orozco-Estrada und dem Chorus sine nomine gut aufgehoben …

Wiener Zeitung 04.10.2010 (Daniel Wagner)

Mendelssohns “Lobgesang” schwang sich unter den präzisen Vorgaben von Dirigent Andrés Orozco-Estrada zu einem Höhepunkt religiöser Romantik auf. Wie stand Gerald Resch zu so viel geistlicher Empathie aus dem 19. Jahrhundert? Immerhin lautete der Auftrag für den jungen Komponisten, zur Saisoneröffnung der Tonkünstler eine Beschäftigung mit Mendelssohns “Lobgesang” erkennen zu lassen. Ein Versuch, der gelang: Reschs “Cantus Firmus”-Symphonie orientierte sich nicht zwingend an der Vorlage, er ging mit eingängigen Eigenthemen und Zitaten ans Werk. Messiaen’sche Klangintensität eröffnete den Corale, persiflierende Sololändler bereicherten die Violinstimmen, heiße Rhythmen machten deutlich: Für dieses Werk brauchte man keine Bedienungsanleitung, nur ein offenes Herz für schöne Überraschungen. Wie bei Mendelssohn.

Der neue Merker 05,10.2010 (Renate Wagner)

Es war eine spannende Kombination, mit der die Niederösterreichischen Tonkünstler ihre Saison begannen. Als Auftragswerk des Festspielhauses St. Pölten gab es zuerst eine etwa 25minütige symphonische Dichtung des Oberösterreichers Gerald Resch. Der Titel ‚„Cantus Firmus“ Symphonie für Orchester und Chor ad libitum.’ verweist darauf, dass dieser Chor „nach Belieben“ eingesetzt werden kann – und nach der Uraufführung wird es der weiteren Verbreitung des Werkes gut tun, wenn man die Kosten für 40 Sekunden a capella und einer fast unhörbaren gesungnen Schlusssequenz einspart. In Bezug auf den danach folgenden „Lobgesang“ von Mendelssohn, der so gewaltige Wirkung aus dem Chor bezieht, war Reschs Einsatz der Singstimmen allerdings verständlich.

Der 35jährige Linzer, eben erst mit einem Kompositionspreis der Erste Bank ausstaffiert, beeindruckte durch seinen bewussten Umgang mit dem Material großer Vorgänger. Das führt zwangsläufig dazu, im „alten“ Sinn Musik zu machen, im Hinblick auf melodische Phrasen, solistischen Einsatz einzelner Instrumente, von originellen Klangwirkungen (das Schlagzeug ist ausführlich beschäftigt), rhythmische Abwechslung und den legitimen Wunsch, das Orchester kraftvoll, auch laut und ausdrucksvoll „sprechen“ zu lassen. Das ist ein vom Handwerk und der Idee her ansprechendes Werk (falls dies für ein „modernes“ Stück keine negative Aussage ist!), mit dem man ein Publikum nicht in die Flucht schlägt, sondern im besten Sinn fesselt.

Das Tonkünstler Orchester hat sich mit diesen beiden Werken eine große Aufgabe gestellt und sie wirklich und wahrhaftig glanzvoll bewältigt. (...) Könnte es auf diesem Niveau weitergehen, man möchte keines der Tonkünstler-Konzerte versäumen.

Ausschnitt 1. Satz “Corale e Passacaglia” Anhören

Ausschnitt 2. Satz “Quasi una Sonata” Anhören

Ausschnitt 3. Satz “Aria e Finale” Anhören