Grounds

1.1.1.1. – 1.1.1.0 – Perc, Pf – 1.1.1.1.1

für Ensemble

2009

Auftragskomposition für das Ensemble die reihe

Dauer: ca. 17 Min.

Musikverlag Doblinger, Leihmaterial

Satzbezeichnungen:
1. In Nomine
2. Ground 1
3. Mobile. Hommage à Henry Purcell
4. Henry Purcell – Fantasia à 6 In Nomine
5. Ground 2

Uraufführung

03.06.2009
Wien, Radiokulturhaus
Ensemble die reihe, Christian Muthspiel

Weitere Aufführungen

21.11.2011
Wien, Musikverein
Ensemble Kontrapunkte, Peter Keuschnig

Einführungstext

In der englischen Renaissance-Musik gab es eine interessante – aus heutiger Sicht fast postmodern anmutende – Tradition, eine alte Melodie (den „In nomine“-Cantus Firmus aus einer Messe von John Taverner, ca. 1525) in neue kontrapunktische Stücke zu verweben. Es scheint ein Ehrgeiz der Komponisten wie Thomas Tallis, William Byrd, Orlando Gibbons u.a. gewesen zu sein, diesen Cantus Firmus in den Strukturen ihrer Kompositionen oft gewissenhaft zu verstecken und Stücke mit ganz unterschiedlichem Stimmungsgehalt auf den immer gleichen Cantus Firmus zu komponieren (alleine von Christopher Tye sind 24 „In Nomine”-Vertonungen erhalten!).
Einer der letzten Komponisten, der diese Tradition nochmals aufleben ließ, obwohl er selbst schon in einer ganz anderen Zeit lebte, war Henry Purcell mit seinen Gambenphantasien aus dem Jahr 1680. Die In Nomine-Technik war zu dieser Zeit bereits hoffnungslos anachronistisch:. Ein spielerisches und manieriertes „Als Ob“.

Gelegentlich trifft man auf eine Musik, die man bedingungslos und gewissermaßen schutzlos liebt: die Gambenphantasien von Henry Purcell zählen für mich zu diesen Werken.
Bei „Grounds“ (das ist die altenglische Bezeichnung für kontrapunktische Kompositionen, die auf einem Cantus Firmus beruhen) war es mein Wunsch, die Schönheit der Musik Henry Purcells intakt zu lassen. Vor allem aber interessierte mich dieser dreifache Bruch: um 1600 zitiert man eine veraltete Melodie, 1680 zitiert Purcell eine veraltete Schreibweise, und mehr als 300 Jahre später versuche ich, das Zitat des Zitats zu zitieren.

So liegt auch meinem Stück der In Nomine-Cantus Firmus zugrunde: alle harmonischen, melodischen und rhythmischen Ableitungen des vollchromatischen Tonmaterials lassen sich als Ableitungen auf diese „Urlinie“ zurückführen.
In den fünf Sätzen von Grounds gibt eine Dramaturgie der Annäherung und Entfernung. Im ersten Satz (In Nomine 1) entfaltet sich meine Musiksprache ganz frei in einer Serie von Veränderungen über dem Taverner-Cantus Firmus. Im zweiten Satz (Ground 1) fingiert derselbe Cantus Firmus als harmonisches Skelett für eine sehr rasche, schattenhafte Bewegung. Im dritten Satz (Mobile. Hommage à Henry Purcell) verwende ich umgeformte motivische Wendungen aus Purcells In Nomine-Komposition, um mich nach und nach seiner Musiksprache anzunähern, bevor der vierte Satz Purcells Stück wörtlich zitiert. Erst gegen Ende bleibt die Musik hängen und verwandelt sich zu meiner Tonsprache zurück, die im abschließenden fünften Satz (In Nomine 2) zurückhaltend und wie aus der Ferne frei und abstrahiert erneut auf den In Nomine-Cantus Firmus reflektiert. (Gerald Resch)

Kritiken

ÖMZ 7/2009

…gelangten Gerald Reschs GROUNDS zur Uraufführung, ein viersätziges Werk, das ganz bewusst auf traditionelles Material, den “In Nomine”-Cantus firmus, setzt, der in ständig veränderter Form präsent ist. Resch spielt Verstecken mit dem Zuhörer und baut im IV. Satz sogar ein Purcell-Zitat ein, das einen reizvollen Kontrast zu seiner bestechend stringenten Tonsprache bildet.

Aufnahme

music austria

Grounds, Ausschnitt aus dem 1. Satz

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