Inseln

für Orchester

2015–2016

komponiert im Auftrag des RSO Wien

Dauer ca. 12 Min

Sikorski Musikverlage Hamburg

Uraufführung

29.09.2016
Bukarest, Sala Radio
RSO Wien, Cornelius Meister

Folgeaufführung

30.09.2016
Wien, Musikverein, Goldener Saal
RSO Wien, Cornelius Meister

Werkeinführung

Im norddeutschen Wattenmeer, einem einzigartigen ökologischen System, tauchen im regelmäßigen Wechselspiel von Ebbe und Flut aus den Wassermassen für einige Stunden Sandbänke auf, die unter der gestalterischen Kraft des Meeres jedesmal geringfügig ihre Form und Kontur verändern. Dieses Schauspiel hat mich tief beeindruckt.

Oft beschäftigen mich solche erstaunlichen natürlichen Abläufe – bewusst oder unbewusst – weiter, abstrahieren sich zunehmend und werden zu einer formenden Idee für den Verlauf einer Komposition.

Bei meinem Orchesterstück „Inseln“ – den Titel habe ich gewählt, nachdem das Stück fertig geschrieben war – glaube ich, dass diese Beobachtungen wichtig waren, um die Musik zu erfinden.

Aus einer anfangs fast amorphen Impulsfolge von Pauke und Schlagwerk entstehen in tiefer Lage kleine rhythmische Floskeln, die sich ineinander verzahnen und beweglich zueinander bleiben. In einer langsamen, aber stetigen Beschleunigung verdichten sich die Bewegungsabläufe und lassen selbstähnliche Melodiezüge auftauchen. Getrieben durch mehrere gleichzeitig ablaufende rhythmische Prozesse wird die Musik kompakter, choralartiger, bis sie ziemlich genau in der Mitte des Stücks in ein transparent begleitetes Solo für Piccolo-Flöte mündet. Vor allem Schlagwerk, Hörner und Harfe treiben mit kantablen Linien weiter, lassen bereits aus der ersten Hälfte des Stückes bekannte Formationen verschoben wieder auftauchen: neue Inseln entstehen und gehen unter, bis sich die Musik beinahe abrupt erneut in die amorphe Klanglichkeit des Beginns verdünnt.

Kritik ÖMZ 71/06/2016, S. 79

Ephemere Gebilde aus Sand

Klar konturiert und vielfältig ragen die klingenden Eilande in Gerald Reschs neuester Orchesterkomposition Inseln aus dem orchestralen Spiel der Wellen: Am 29. September 2016 in Bukarest uraufgeführt, wurde das Auftragswerk des RSO und der Gesellschaft der Musikfreunde tags darauf seinem Publikum im Musikvereinssaal vom ORF Radiosymphonieorchester Wien vorgestellt. Als Inspiration diente Resch ein wiederkehrendes Naturschauspiel im norddeutschen Wattenmeer: Zwischen Ebbe und Flut bilden sich dort kleinere oder größere Gebilde aus den Sandbänken, die oberflächlich betrachtet immer gleich aussehen, bei genauerem Hinsehen jedoch durch die Gewalt des Meeres nie zwei Mal auf genau dieselbe Weise geformt sind. Eines jedoch ist gewiss: Das Meer überspült bei Flut die Sandbänke früher oder später komplett. Und so endet das Stück auch, wie es eine knappe Viertelstunde zuvor begonnen hat: mit glucksenden rhythmischen Floskeln des Schlagwerks.
Immer wieder scheint es, als ob sich über dem Antrieb durch Pauken, Marimbas, Woodblocks und weitere Schlaginstrumente eine Melodie erheben möchte – doch es bleibt bei knappen melodischen Einwürfen. Diese wiederum rufen aufgrund ihrer einfachen Linien zarte Erinnerungen wach, etwa an berühmte Meeresmusiken der Vergangenheit, an impressionistische Vorbilder, in jazzig-wiegenden Momenten schimmert eine Prise Gershwin durch, und die Quart/Quint-Struktur des Anfangsmotivs erinnert im späteren Verlauf gar an Werner Pirchner – all das schält sich aus dem Orchester heraus, nur um wieder zu verschwinden. Am Scheitelpunkt des Stückes erhebt sich die Piccoloflöte zu einem kurzen Solo: ein Moment des Stillstandes. Von dort aus bewegt sich das Geschehen zunächst beinahe unmerklich, aber doch stetig zurück in die Anfangsstimmung. Das Stück ist eine Gratwanderung zwischen dem Arrivierten und dem Progressiven, verfügt über exakte Balance in allen kompositorischen Belangen. Klangfarbenmischung, Rhythmus, Instrumentierung, harmonische Verflechtungen, die stets das tonale Grundmuster durchscheinen lassen, melodische Floskeln mit Erinnerungswert: Reschs neuestes Orchesteropus hätte das Zeug, seinen Weg ins Repertoire zu finden.
In bewährter Weise fand das von Cornelius Meister geleitete RSO Wien den rechten Ton für diese Inseln, wenn auch da und dort die Fortspinnungen zwischen den Instrumentengruppen noch eine Spur feinsinniger gelingen hätten können.
(Markus Hennerfeind)