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Streichquartett Nr. 3 "attacca"

für Streichquartett

1. RITORNELLO: UNISONO. Vivo spirituoso, attacca: TRANSIZIONI. Adagio teneramente
2. RITORNELLO: A QUATTRO VOCI. Sfuggevole, attacca: PERPETUUM MOBILE. Feroce
3. RITORNELLO: DUETTI. Calmo, attacca: ARIOSO. Con affetto, attacca:
4. RITORNELLO: CANON. Flessibile, sempre cantabile, attacca: FINALE. Pochissimo meno mosso, con groove

Einführungstext


Mein Kompositionsprozess beginnt damit, die MusikerInnen zu hören und persönlich zu
treffen, um sich aufeinander einzuschwingen und gemeinsame Vorlieben, Abneigungen
usw. auszuloten. Aber auch das Beobachten der unterschiedlichen Charaktere und ihre
Interaktion (gerade bei einem Streichquartett!) ist wichtig für das Finden eines
kompositorischen Zugangs.
Ich versuche, ein neues Stück „maßzuschneidern“, sodass sich die InterpretInnen darin
wohlfühlen können, es großzügig fällt, nirgendwo unnötig zwickt, weder zu kurz noch zu
lang ist: die besonderen individuellen Vorzüge der MusikerInnen sollen zur Geltung
kommen. Wenn sich die MusikerInnen in meiner Komposition ein Stück weit selbst
wiedererkennen und sich damit identifizieren können (vielleicht nicht auf Anhieb), ist
meine Arbeit gelungen.
Es gab den Wunsch von Seiten des Auftraggebers – der Gesellschaft der Musikfreunde
Wien – auf mehrfache Weise Beethoven-Bezüge herzustellen. Aus diesem Grund kreiste
das Gespräch mit dem Aris-Quartett immer wieder um Beethoven bzw. um
Besonderheiten seiner Musik, die auch in meinem Stück eine Rolle spielen sollten.
Während unseres Kennenlernens im April 2019 habe ich mir etliche Notizen gemacht,
die sowohl unmittelbaren als auch mittelbaren Eingang in meine Komposition gefunden
haben. Ich möchte einige dieser Notizen (meist „Wünsche“ der MusikerInnen) kursiviert
anführen und erläutern, wie ich darauf kompositorisch reagiert habe.

zupackender Beginn / gemeinsamer Impuls / Sog entsteht, wenn alle gleich schwingen
Mein 3. Streichquartett beginnt mit einer fertigen Gestalt: Tempo, Rhythmik und Melos
sind von Anfang an etabliert, in einer Unisono-Textur beginnen die beiden „mittleren“
Streicher sehr leise, nach und nach kommen Violine 1 und Cello kommen dazu und
spielen zu viert eine Unisono-Tonlinie, die sich scheinbar wiederholt, dabei aber immer
„weiterrutscht“: Die Tonabfolge bleibt weitestgehend gleich, verdichtet sich aber
rhythmisch und füllt ihre Leerstellen zunehmend auf. Die Linie wird lauter, exaltierter,
spaltet sich im Tonraum auf, bleibt dabei aber stets innerhalb einer „selbstähnlichen“
rhythmischen Kontur.
Die meisten Konstellationen und Motive, die in diesem etwa 1-minütigen Ritornell durch
Abtasten“ der melodischen Linie spielerisch gefunden werden, tauchen im weiteren
Verlauf der Komposition mit motivischer Konsistenz wieder auf.

kurzweilig gestalten / Ohr soll etwas zu verfolgen haben
Die Großform meines 3. Streichquartetts besteht aus 4 Sätzen, die jeweils durch ein
RITORNELLO eingeleitet werden. Ist dieses am Anfang des 1. Satzes noch besonders
deutlich verfolgbar (RITORNELLO: UNISONO), wird seine Struktur bei jedem Auftreten
komplexer. Als Einleitung zum zweiten Satz (RITORNELLO: A QUATTRO VOCI) ist das
Unisono aufgebrochen zu Vierstimmigkeit, weitgehend in einheitlicher Rhythmik. Der
dritte Satz beginnt mit einem RITORNELLO: DUETTI, in starker zeitlicher Dehnung ist
die ursprüngliche Linie nun aufgeteilt auf sich verändernde Paar-Konstellationen, die

nach Art verzerrter Echos ineinander verzahnt sind. Im vierten Satz schließlich ist im
RITORNELLO: CANON die melodische Linie in charakteristische, stark rhythmisch
definierte Motive aufgelöst, die gestaffelt durch alle vier Instrumente mit sich selbst
überlagert werden, sodass ein regelrechter Kanon entsteht.
Die unterschiedlichen Tempi, Texturen und Atmosphären der vier RITORNELLI weisen
voraus auf den jeweils folgenden „Haupt-Satz“, in dem einige ihrer Modelle aufgegriffen
und weiterentwickelt werden, andere hingegen verworfen bzw. so drastisch verändert
werden, dass ihre ursprüngliche Herkunft nur noch subkutan wirksam ist. Die
Hauptsätze knüpfen ohne Unterbrechung an ihre RITORNELLI an, was auf Italienisch als
attacca bezeichnet wird – daher der Untertitel meines Quartetts.

mehrere Texturen gleichzeitig / wechselnde Kombinationen / frei werden
Der Hauptteil des ersten Satzes hat den Titel TRANSIZIONI und spielt die wechselnden
Konstellationen, in denen die vier Instrumente zueinander stehen können, frei und
unsystematisch durch (Beginn: Bratsche führt über ein- und ausschwingenden
Liegetönen des Trios, dann übernimmt die Violine 2 mit sich verändernder Textur, die
Gegenlinie der Violine 1 wird verändert von der Bratsche übernommen, dann auch
fragmentiert vom Cello. Es folgt einige Takte später eine dominierende Kaskade der
Violine 1 über homogenem Begleit-Trio, die Violine 2 übernimmt, die Textur schwappt
über auch auf Bratsche und Cello usw.). Besonders durch die wörtliche Wiederholung
der ersten fünf Strukturfelder ergibt sich eine Formbildung, die analog zur
Sonatenhauptsatzform zunächst unterschiedliches Material exponiert und in einem
zweiten Teil neu konfiguriert. Anstelle einer Reprise aber folgt der zweite Satz mit
seiner „neuen Version“ des Ritornells.

rhythmische Konsistenz beibehalten / Spielfluss
Im Hauptteil des zweiten Satzes zitiere ich den bizarren Beginn des 2. Satzes aus
Beethovens Streichquartett op. 59/1: eine charakteristisch rhythmisierte
Tonwiederholung im Cello, aus der sich alles Folgende in Art eines PERPETUUM
MOBILE ableitet, ohne dabei die durchlaufend gehetzte Motorik des 3/8-Taktes (mit
zahlreichen Verschiebungen) jemals zu verlieren.

größte emotionale Tiefe entsteht durch Schlichtheit / tiefe Geigen!
Der Hauptteil des dritten Satzes trägt den Titel ARIOSO und verwendet als Matrix die
Struktur des zweiten Satzes aus Beethovens op. 18/1. Die regelmäßigen Achtel-
Repetitionen des Vorbild-Werks sind in meinem Stück in ein abwechselnd drei- und
zweiwertiges Tonwiederholungs-Modell abgewandelt, wodurch meine Takte „eiern“.
Auf diese unregelmäßige Pulsations-Schicht kann eine ganz schlichte Melodie aufsetzen,
die sich in mehreren Etappen aufspannt, aber immer wieder in tiefe Lage gezogen wird,
wo sie kompakt von allen vier Streichern mit Vehemenz artikuliert wird, bevor sich ein
neuer melodischer Bogen zu spannen beginnt.

Musik kommt vom Tanz / durchlaufender Puls / etwas Witziges an unerwarteter Stelle
Der letzte Satz etabliert verschiedene Ostinati, die zu einer sehr lebendigen,
motorischen Textur zusammengefügt werden. Nach einem Zwischenteil, der in Violinen
und Bratsche mittels kontinuierlich steigender und fallender Glissando-Linien den
Gesang einer singenden Säge nachahmt, tauchen zunehmend Relikte der bereits
erklungenen Sätze auf, allerdings in unvorhersehbar vertauschter Reihenfolge: eine Art
„verzerrte Reprise“. Nachdem auch einige Ritornell-Fetzen ein letztes Mal aufflackern,
eröffnet sich eine unvermittelt neuartige Musik: wie eine Tür hin zu einem ganz neuen,
noch unbetretenen Raum.

Alle Aufführungen von Streichquartett Nr. 3 "attacca"

  • 31.07.2021 Marvao Festival / P , Aris Quartett
  • 07.03.2021 Weikersheim / D , Aris Quartett
  • 06.03.2021 Neubeuern / D, Aris Quartett
  • 24.10.2020 Wildeshausen / D, Aris Quartett
  • 18.10.2020 Achern / D , Aris-Quartett
  • 27.09.2020 Usingen / D, Aris Quartett
  • 17.09.2020 Paul Sacher Stiftung Basel / CH